Im Jahr der Informatik hörte es sich noch so an, als ob Informatik was ganz tolles ist, das sehr zukunftsträchtig ist und unbedingt gefördert werden müsse.
Wenn ich jetzt allerdings höre, es sei das Jahr der Geisteswissenschaften, muss ich eher an bedrohte oder seltene Tier- und Pflanzenarten denken, die noch ein letztes Mal das Licht der Öffentlichkeit geniessen dürfen, bevor sie für immer vom Antlitz dieser Erde getilgt werden.
Soviel zum Thema subjektive Wahrnehmung. Zumindest für uns Diplomsoziologen an unserem Institut war die Vergangenheit wesentlich Ruhmhafter als unsere Zukunft, und die endet schon in zwei Jahren. Schon jetzt gibt es die ersten Masterstudierenden, deren Seminare streng getrennt von denen der Dipolomanden stattfinden.
Früher hatten wir ein eigenes stattliches Institut, etwa 40 Professoren und eben einen guten Ruf. Heute wohnen wir als ungeliebte Untermieter, mit einer Hand voll Professoren, und welchen Ruf wir auch immer gehabt haben, heute könnten wir genauso gut nicht mehr existent sein.
Der einzige Grund, warum ich mich noch an das alte Institut erinnern kann, ist, dass ich inzwischen ein wenig zu lange geblieben bin und auch noch ein wenig bleiben werden, ob es mir gefällt oder auch nicht. Ist die Universität daran schuld? Tja, so einfach ist das nicht, eine Mitschuld trifft sie sicher, es könnte sein, dass eine bessere Universität mir hätte eher helfen können. Es kann aber auch sein, dass ich eine noch schlechtere Universität schon längst abgebrochen hätte.
Was schade wäre, denn ich mache Soziologie unheimlich gerne, und wie viele Leute haben das Glück, das zu studieren, was sie lieben? Und ich ahnte auch, was der Begriff Massenuniversität bedeutet, schon als ich mich für diese Universität besonders in dieser Stadt entschieden hatte.
Was ich nicht ahnte, oder nicht wahr haben wollte, war, dass ich Probleme hatte. Ich war einfach nicht für dieses Leben jenseits aller Strukturen und Halt gerüstet, denn ich habe besonders ein großes Problem, dass alle anderen Probleme in den Schatten stellt: ich schiebe auf.
Das klingt harmlos, das macht auch so gut wie Jede(r), aber ich bin eben ein hartnäckiger Fall, ich habe zwar meine Klausuren geschafft, meine Referate gehalten – aber mir ist es 11 Semestern nie gelungen, eine einzige Hausarbeit zu schreiben. Ich kann kaum nachrechnen, wie viele Kurse ich besucht habe ohne nach der Vorlesungsfreien Zeit meine Arbeit abzugeben, um meinen Schein zu bekommen.
Hat mich in der ganzen Zeit auch nur einen einzige Person gefragt, warum ich nie eine Arbeit abgegeben habe? Nie.
Was dann passiert, ähnelt dem Prinzip, wenn ein alter Baum umstürzt und quer zu einem kleinen Bach zum liegen kommt. Am Anfang läuft das Wasser noch gut ab, aber mit der Zeit verfangen sich immer mehr kleinere Äste, Laub und ähnlicher Unrat an dieser Engstelle und das Wasser beginnt sich zu stauen bis sich irgendwann ein kleiner See bildet.
Genau so hat sich mein Leben gestaut, hinter der Unfähigkeit, Arbeiten zu schreiben, denn erst sind es nur die Arbeiten, dann fällt das Lernen für die Klausuren immer schwerer und die Referate werden immer schlampiger vorbereitet, die Texte, was vorher kein Problem war, nicht mehr gelesen, bis mensch eines Tages gar nicht mehr hin geht, in die Stätte des persönlichen Versagens.
Ich bin schuld, ich habe mir selbst ein Bein gestellt. Ich habe mein ganzes Leben lang das Erledigen von unangenehmen Aufgaben hinausgeschoben, so weit es ging, ich habe vermieden, irgend etwas für die Schule zu tun, selbst wenn mich die Fächer interessierten, und ich bin einfach gelebt, ohne Vorstellung davon, wo meine Talente und Interessen liegen könnten und was mein Ziel sein könnte.
In der Zukunft, wie ich sie jetzt sehe, hätte ich nie studiert, und wenn, dann wäre ich schon nach wenigen Semestern wieder rausgeflogen. Die Chance, die ich hier hatte, einfach etwas länger zu brauchen, um meinen Weg zu finden, hätte ich dann nicht gehabt.
Aber ich bin kein hoffnungsloser Fall, denn ich kann mich verändern. Ich habe lange dazu gebraucht, meine Probleme anzugehen, um Hilfe zu bitten, denn ich bin auch noch sehr introvertiert, auch wenn meine Freunde immer den Kopf schütteln, wenn ich ihnen das erzähle. Aber jetzt kämpfe ich, um meinen Abschluss zu bekommen, um in dem Feld meiner Interessen trotz des verhunzten Lebenslaufes arbeiten zu können.
Dieses Blog soll einen Einblick in mein Leben geben, um eine Geschichte zu erzählen, die gerade passiert. Ich lebe in interessanten Zeiten, und ich werde davon berichten.